Dienstag, 7. Februar 2017

"Lamantin. Aufbruch ins Ungewisse" von Markus J. Beyer


"Lamantin. Aufbruch ins Ungewisse" von Markus J. Beyer

Verlag: familia (2016)
Format: HC, 245 Seiten
ISBN: 978-3-943987-78-2
Preis: 12,95 € [D] 

☁ ☁ ☁ ☁


Inhalt


Der zwölfjährige Thilo ist ein lebhafter und wissbegieriger Junge. Selbst der Rollstuhl, der seit einem schweren Unfall sein Leben beherrscht, kann daran nichts ändern. Thilo träumt davon, ein großer Entdecker zu werden. Seine größte Entdeckung macht er allerdings in einem Naturalienkabinett. Dort bezaubert ihn ein seltsames Wesen mit seinem plätschernden Gesang. Zwischen den beiden entsteht eine tiefe Bindung und Thilo tauft das Meermädchen auf den Namen Undine. Doch auch eine tiefe Traurigkeit nimmt in Undines Nähe von Thilo Besitz. Schnell ist klar – das Meerwesen wird sterben, wenn es nicht bald zurück ins Meer gelangt. Zusammen mit dem technikbegeisterten Paul schmiedet Thilo einen waghalsigen Plan, der Undines Leben retten soll. Doch die beiden sind nicht die Einzigen, die Interesse an dem wundersamen Meerwesen zeigen. (Quelle)


Meine Meinung


Dieses Buch wurde mir Ende letzten Jahres vom Familia-Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich lese Jugendbücher für diese Altersgruppe (ab 10 Jahren) eher selten, doch dieses hier hat mich aufgrund verschiedener Punkte angesprochen und schließlich auch überzeugt.

Der erste Punkt, der bereits mit dem Cover ins Auge springt, ist Diversität. Thilo ist nach einem Unfall gelähmt und sitzt im Rollstuhl, dennoch kann er Abenteuer erleben und ein Held sein. Eine wichtige Botschaft für Kinder dieser Altersgruppe, die sie sowohl auf sich selbst und eventuelle Handicaps als auch auf Menschen in ihrer Umgebung übertragen können.

Der zweite Punkt ist die Tierschutzthematik und die Problematik der "artgerechten Tierhaltung", die den jungen Lesern in diesem Buch nahegebracht wird. Ist es richtig, ein wildes Tier nur zum Vernügen oder wegen der Profitgier der Menschen aus ihrem natürlichen Umfeld zu reißen? Wie geht es den Tieren, wenn sie eingesperrt sind? Thilo kommt zu dem Schluss, dass es der Seekuh Undine in ihrem Aquarium alles andere als gut geht und er fasst den waghalsigen Entschluss, sie zu befreien.

Hier kommen weitere spannende Punkte ins Spiel: Naturwissenschaft, Forschung und (historische) Technik. Gemeinsam mit Thilo erfahren wir mehr über Darwins Lehren und Marco Polos Entdeckungen. Wir lesen von den ersten Automobilen und Gottlieb Daimler, und sogar Politik und Geographie werden angeschnitten, wenn wir Thilo auf seiner Reise von Stuttgart über die Alpen bis nach Italien begleiten und erfahren, wie es sein kann, dass die Alpen einmal "unter Wasser standen". Zudem ist das Ganze keine entspannte Kaffeefahrt, sondern ein gefährliches Unterfangen, bei dem nicht nur das Leben Undines auf dem Spiel steht. Denn der Käufer von Undine will sein Hab und Gut natürlich zurück und hetzt Thilo und seinen Freunden skrupellose Detektive auf den Hals...

Insgesamt dominieren in diesem Buch zwar die männlichen Figuren, was schade ist, doch Beyer hat versucht, mit einer wichtigen Schlüsselfigur zumindest ein wenig geschlechtliches Gleichgewicht in die Geschichte zu bringen. Die adlige Dame Celestina pfeifft auf Konventionen. Sie studierte Meereszoologie, "und das zu einer Zeit, als das Studieren für Frauen noch sehr schwierig, an manchen Universitäten sogar unmöglich war." (S. 176). Sie baute einen Saal ihres Anwesens zu einem Aquarium um, und sie besitzt einen Heißluftballon, der eine wesentliche Rolle in der Rettung Undines spielt.

Trotz des geschlechtlichen Ungleichgewichts halte ich das Buch sowohl für Jungen als auch für Mädchen geeignet, denn Thilo ist eine eher neutrale Heldenfigur und nicht mit stereotypen Merkmalen belastet. Außerdem vertritt Celestina, wie bereits gesagt, ein starkes und unabhängiges Frauenbild. Es ist zudem unglaublich, wie viel Wissen so nebenbei in dieses kleine Buch gepackt worden ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es junge Leser dazu animiert, sich mit dem einen oder anderen Thema näher zu befassen, oder dass der ein oder andere nach der Lektüre Zoologe, Forscher oder Abenteurer werden möchte.

Ich vergebe 4 von 5 Wolken und hoffe, dass dieses Buch noch viele Kinder und vielleicht sogar Erwachsene begeistern wird. Ein großes Dankeschön an den Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Montag, 30. Januar 2017

"Die Herren von Winterfell" von George R.R. Martin


"Die Herren von Winterfell" von George R.R. Martin

Verlag: Blanvalet (2010)
Format: TB, 571 Seiten
ISBN: 978-3-442-26774-3
Preis: 15,00 € [D] 
Originaltitel: A Game of Thrones (1996)
Ins Deutsche übertragen von Jörg Ingwersen

☁ ☁ ☁ ☁ ☁


Inhalt


Eddard Stark, der Herr von Winterfell, wird an den Hof seines Königs gerufen, um diesem als Berater und Vertrauter zur Seite zu stehen. Doch Intriganten, Meuchler und skrupellose Adlige scharen sich um den Thron, deren Einflüsterungen der schwache König nichts entgegenzusetzen hat. Während Eddard sich von mächtigen Feinden umringt sieht, steht sein Sohn, der zukünftige Herrscher des Nordens, einer uralten finsteren Macht gegenüber. Die Zukunft des Reiches hängt von den Herren von Winterfell ab! (Quelle)


Meine Meinung


Ist es denn zu glauben? Das Lied von Eis und Feuer. Die Herren von Winterfell ist das erste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, und damit bin ich mit meinen Rezensionen endlich im Jahr 2017 angekommen! *lach*

Der Wunsch, diese Romanreihe zu beginnen, ergab sich - wie wohl bei so vielen - durch die Serie, die ich Ende letzen Jahres zu schauen angefangen habe. Bisher hat mich Game of Thrones nie wirklich gereizt, aber ich muss sagen, dass ich mittlerweile gut verstehen kann, wieso die Serie so beliebt geworden ist. Da die Bücher aber bekanntlich meist besser sind als die Verfilmungen wollte ich unbedingt die Romanvorlage dazu lesen, was mich allerdings zunächst vor die Frage stellte, zu welcher Ausgabe ich greifen sollte.

Ich habe mir die Leseprobe der englischen Originalversion auf meinen Kindle schicken lassen und mich daran versucht. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass ich mit meinem Englisch lange nicht alles würde erfassen können (was ich bei Roman im allgemeinen und bei Fantasy im Besonderen überhaupt nicht leiden kann) und bei einem Roman dieses Umfangs wohl auch mehrere Monate brauchen würde. Ich liebäugelte dann kurz mit der ersten deutschen Übersetzung, da hier wohl ein Großteil der Namen in der Originalform übernommen wurden. Dann stellte sich jedoch heraus, dass es nicht alle Romane in der "alten" Übersetzung gibt und dass in der hiesigen Bücherei nur die neue Übersetzung zu haben ist. Damit war der Entschluss gefallen und ich muss sagen, dass ich die aktuelle Ausgabe recht gelungen finde. Gut, die Namen hätte man wirklich im Original belassen können und ich fragte mich oft, wie einige Eindeutschungen zustande gekommen sind. Wie wird denn bitte aus King's Landing der Name Königsmund? Aber da ich die Namen und Orte so auch schon aus der Serie kannte, kam ich ganz gut damit zurecht.

Blanvalet teilte die Originalbände auf jeweils zwei deutsche Romane auf. Somit gibt es derzeit zehn Bücher, während im Englischen nur fünf existieren. Ich könnte jetzt von Abzocke und Geldmacherei sprechen, aber da ich die Romane leihe und nicht kaufe, ist mir das momentan relativ egal. Ich finde es außerdem gar nicht schlecht, da die Büchr so schmaler und handlicher sind - so dicke Wälzer schrecken mich meistens doch eher ab.

Der erste Band reicht bis zu etwa Dreiviertel der ersten Serienstaffel und ich bin sehr froh, ihn gelesen zu haben. Obwohl sich zumindest die erste Staffel sehr genau an die Romanvorlage hält, kann doch lange nicht alles filmisch dargestellt werden, was sich im Buch abspielt. Ich hatte häufig Aha-Momente, als sich Zusammenhänge, die in der Serie nicht ganz schlüssig waren oder gar nicht erwähnt wurden, dank der Lektüre plötzlich aufklärten. Außerdem waren die Listen der Mitglieder der verschiedenen Häuser hinten im Buch sehr hilfreich, ebenso wie die Karte, auf der ich einige Wege in Ruhe nachvollziehen konnte. Anderes kam im Vergleich zur Serie hingegen zu kurz, zum Beispiel die zarte Romanze zwischen Daenerys und Khal Drogo, die in der Serie wohl der Zuschauer wegen aufgebauscht wurde.

Die Kapitel beleuchten abwechselnd verschiedene Charaktere, wodurch jeweils gute Einblicke in die jeweiligen Personen gewährt wird. Dadurch lernt man diese zwangsläufig besser kennen als in der Serie. Außerdem ist dies eine gute Möglichkeit, wenn man häufig zwischen verschiedenen Orten springt, so wie es bei Martin der Fall ist. Im Gegensatz zu anderen Romanen dieser Art fand ich mich hier auch immer wieder sehr schnell in den jeweiligen Handlungsstrang ein, denn Martin holt seine Leser stets dort ab, wo sie zurückgelassen wurden, beziehungsweise nimmt sie am Anfang eines Kapitels mit zu einem neuen Erzählabschnitt. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass die Kapitel nicht immer mit lästigen Cliffhangern enden, was einen großen Pluspunkt gibt.

Inhaltlich kann und möchte ich gar nicht allzu viel sagen. Nur, dass es immer spannend ist, dass nichts vorhersehbar ist und dass es jeder Figur in jeder Sekunde an den Kragen gehen kann. Ein durch und durch gelungener Auftakt zu einem Fantasy-Epos, der seinesgleichen sucht. Ich vergebe volle 5 von 5 Wolken und empfehle die Lektüre ausnahmslos jedem Fan der Serie. Der zweite Band steht bei mir übrigend schon in den Startlöchern ;)

"Eine wundersame Weihnachtsreise" von Corina Bomann


"Eine wundersame Weihnachtsreise" von Corina Bomann

Verlag: Ullstein (2015)
Format: TB, 236 Seiten
ISBN: 978-3-548-28774-4
Preis: 9,99 € [D] 

☁ ☁ ☁ ☁


Inhalt


Es ist seit langem das erste Weihnachten, das Anna wieder mit ihrer Familie verbringen möchte. Doch die Reise gerät zu einer Odyssee, als sie im Zug einschläft und viele Kilometer von ihrem Zielort entfernt strandet. Sie hat kaum Geld dabei und der Akku ihres Handys ist leer. Wie soll sie es nur rechtzeitig bis Heilig Abend nach Hause schaffen? Zum Glück begegnet Anna vielen hilfsbereiten Menschen, die ihr helfen, wie einem mürrischen Schneepflugfahrer, drei flippigen alten Damen und einem Haufen Hippies. Und Anna, die Weihnachten bisher nicht ausstehen konnte, spürt, dass das Fest sie doch irgendwie alle verbindet.


Meine Meinung


Ja, Asche auf mein Haupt - die Rezension dieses Romans kommt viel zu spät bzw. zu früh im Jahr, denn es handelt sich, wie der Titel schon sagt, um einen Winter-Weihnachts-Roman. Ich habe ihn auch an Weihnachten gelesen, doch es standen so viele Rezensionen Schlange, dass ich leider erst jetzt die Zeit finde, meine Eindrücke mit euch zu teilen. Vielleicht kommt der Roman aber ja auf eure Leseliste für nächstes Weihnachten.

Die Romanidee ist fast schon klassisch: Jemand, der Weihnachten nicht mag, ändert dank wundersamer Umstände doch seine Meinung und weiß das Fest der Liebe schließlich zu schätzen. Als wundersam empfindet Anna die Umstände zunächst jedoch überhaupt nicht, als sie im Zug einschläft und erst an der Endstation, viele Kilometer von ihrem Ziel entfernt, wieder aufwacht.

Ich konnte sehr gut nachvollziehen, wie sie sich fühlt: müde und genervt darüber, dass ihre Pläne über den Haufen geworfen wurden. Zu allem Überfluss verabschiedet sich dann auch noch ihr Handyakku. Sie scheint von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten;. Oft scheint ihr Ziel zum Greifen nahe, doch dann kommt wieder etwas dazwischen und wirft sie zurück. Und so dachte ich bei jeder neuen Mitfahrgelegenheit "Na, wird es diesmal klappen?". Das machte das Buch zu einem richtigen Pageturner.

Mir hat es sehr gefallen, wie viele hilfsbereite Menschen Anna auf ihrer Reise trifft und welch unterschiedliche Bedeutung Weihnachten für jeden von ihnen hat. Einige müssen arbeiten und sind weit weg von ihrer Familie, andere sind wie sie selbst auf dem Weg nach Hause. Am liebsten mochte ich die drei schrulligen alten Damen, denen sie in einer Raststätte begegnet und deren Erinnerungen dem Roman Tiefe verleihen und den Leser ein Stück weit in die Vergangenheit versetzen. Auch die Ansichten der drei Damen über das Altersheim und das Leben älterer Menschen allgemein sind klug gewitzt - ihnen würde ich auch gerne einmal an einem Autobahnrasthof begegnen.

Als Anna schließlich bei ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrem Stiefbruder ankommt - ich halte dies nicht für einen Spoiler, denn was wäre das für ein Weihnachtsbuch, wenn das Fest nicht stattfinden würde? - hat sich einiges in ihr verändert. Sie hat den Wert von Familie zu schätzen gelernt und sieht einiges mit anderen Augen. Und außerdem ist da noch die Aussicht auf eine kleine Romanze...

Ich habe den Roman sehr gerne und schnell gelesen. Er hat mich an die vielen lieben Menschen erinnert, die mir in zahlreichen Situationen auf meinen Reisen geholfen haben, sowie daran, wie schön Weihnachten sein kann, wenn man es nicht unter dem Blickpunkt unserer Konsumgesellschaft betrachtet, sondern einfach als eine Gelegenheit, Zeit mit denen zu verbringen, die wir lieben. Ich vergebe 4 von 5 Wolken und empfehle euch das Buch wärmstens für nächste Weihnachten ;)

Freitag, 27. Januar 2017

"Berlin Zombie City" von Kalle Max Hofmann


"Berlin Zombie City" von Kalle Max Hofmann

Verlag: Wiebers Verlag (2016)
Format: TB, 343 Seiten
ISBN: 978-3-942606-4301
Preis: 7,99  € [D] 

☁ ☁ ☁


Inhalt


Ben kehrt von einer einsamen Bootstour nach Berlin zurück und muss feststellen, dass die Stadt von Zombies bevölkert ist. Es gibt nur wenige Überlebende, was die Hoffnung darauf, seine Freundin lebend in ihrer Wohnung vorzufinden, erheblich schmälert. Doch er muss es versuchen und macht sich auf den gefährlichen Weg durch die Straßen des nahezu toten Berlins. Doch die Zombies sind bald nicht mehr sein einziges Problem...


Meine Meinung


Dieser Roman hat mich sofort angesprochen, als ich im Internet darüber gestolpert bin. Ich liebe Zombie-Romane, und noch mehr liebe ich solche Geschichten, wenn sie in Deutschland spielen. In diesem Fall handelt es sich um Berlin, eine Stadt, die ich sehr gerne mag - eine perfekte Kombination also, die schon im Cover sehr gut zur Geltung kommt. Nach sehr nettem Kontakt mit dem Verlag bekam ich dann dieses Rezensionsexemplar zugesandt. Nochmals vielen, vielen Dank dafür!

Genau wie der Protagonist Ben wird der Leser direkt in die Postapokalypse hinein geschleudert. In der mehrwöchigen Auszeit, während der Ben auf seinem Boot umherschipperte und völlig von der Außenwelt abgeschnitten war, hat sich die ehemals vor Leben sprühende Hauptstadt in eine Totenstadt verwandelt, die von blutrünstigen Zombies bevölkert wird. Bis Ben dies begreift, dauert es ein wenig - eine Tatsache, die sich in fast jedem Roman oder Film dieser Art findet und mich mittlerweile immer zum Schmunzeln bringt. Im Zeitalter von The Walking Dead und Ähnlichem sollte man heutzutage die Anzeichen eine Zombieapokalypse doch schneller deuten können, oder? Aber dieser Umstand gehört natürlich irgendwie zu einer solchen Geschichte und fördert den Spannungsaufbau sowie die Charakterentwicklung.

Charakterentwicklung - ein wichtiges Stichwort für den Protagonisten Ben, der, Verziehung, ein ziemliches Arschloch ist. Der Grund für seine Auszeit war nämlich ein Streit mit seiner Freundin Tanja, weil diese ihm eröffnete, dass sie schwanger sei. Woraufhin er völlig ausrastete und das Weite suchte. Was genau zwischen den beiden geschehen ist, erfährt der Leser immer wieder durch kurze Erinnerungspassagen von Ben und diese machten es mir tatsächlich möglich, dass ich Ben noch weniger mochte, als zunächst angenommen. Da hat es auch nicht mehr geholfen, dass er sich schließlich auf die Suche nach ihr macht, was mir persönlich eher von Pflicht- als von Schuldgefühlen motiviert schien. Langsam jedoch wird Ben zu einem denkenden und vor allem zur Reflexion fähigen Menschen. Er versucht, seine Vergangenheit zu akzeptieren und in der Gegenwart das zu ändern, was zu ändern er in der Lage ist.

Man kann den Roman als zweigeteilt auffassen, wobei sich der erste Teil um die Suche nach Bens Freundin Tanja und der zweite Teil um die Flucht aus Berlin dreht. Diese Suche nach Tanja, die Ben auf einem gefährlichen Weg durch das tote Berlin führt, legt dabei den Grundstein für die folgenden Ereignisse. Auf diesem Weg lernt er verschiedene andere Überlebende kennen, die sich in Gruppen oder alleine verschanzt haben und versuchen, die Situation auszusitzen. Schließlich kommt es jedoch zur entscheidenden Wende, als Flugblätter auftauchen, die die Bombardierung der Stadt ankündigen, was den zweiten Teil einleutet. Plötzlich wird die Situation der Überlebenden noch brisanter, doch Ben, der mittlerweile versucht, seine Schuldgefühle durch eine Art Nächstenliebe zu kompensieren, hat eine Idee. Eine Idee, deren Gelingen jedoch von einem wichtigen Faktor abhängt: seinem Stiefvater.

Der erste Teil hat sich für mein Empfinden ein wenig zu sehr in die Länge gezogen und war irgendwie zu vorhersehbar. Mir persönlich hat der zweite Teil besser gefallen. Ich empfand ihn als spannender, weil er mehr Menschen betrifft und der Ausgang des Unternehmens unvorhersehbarer ist. Außerdem kommt es hier auf viele verschiedene Komponenten an, die zusammenspielen, womit die Situation auch instabiler wird, was der Autor immer wieder genutzt hat, um Spannung zu erzeugen. Die Beschreibungen der Gruppenvorgänge fand ich hingegen leider etwas schwach. Zwischenmenschliche Beziehungen werden zwar immer wieder angedeutet, Hofmann kratzt jedoch oft nur an der Oberfläche, sodass verschiedene Wesenszüge zwar deutlich zu Tage treten, jedoch nicht wirklich ausgearbeitet werden. Den Familienzwist hingegen, von dem letztendlich alles abhängt, fand ich sehr gut ausgearbeitet.

Dann wären da noch die teilweise sehr genaue Beschreibungen von Berlins Straßen und Häusern, die wohl Abwechslung, vor allem jedoch Authentizität in den Roman bringen sollten, die mich als Nichtberliner jedoch eher verwirrt haben. Ich begann irgendwann damit, die vielen Straßennamen und Wegbeschreibungen zu überlesen. Für Menschen, die Berlin wie ihre Westentasche kennen, ist dieses Element aber vielleicht besonders spannend.

Der Wiebers Verlag ist ein kleiner Familienbetrieb, der (noch) nicht die Möglichkeiten eines großen Verlags hat. Deshalb werden die Leser in den Auflagen bis Ende 2016 am Anfang auch ganz direkt angesprochen und gebeten, "untote Fehlerteufel" zu melden um so zur Verbesserung des Romans beizutragen. Eine gute Idee, wie ich finde! Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn sich ab und zu mal ein Fehler einschleicht, wobei ich dennoch zwischen großen und kleinen Verlagen sowie Selfpublishern unterscheide. Bei diesem Buch waren es ein paar mehr Fehler, die jedoch durch sehr differenzierten Sprach- und Wortgebrauch großteils wieder ausgebügelt wurden und dank der Hilfe der Leser sicherlich bald in Gänze ausgemerzt sein werden. Schrift und Zeilenabstand haben mir leider nicht besonders gefallen und mich eher an verstaubte Jugendbücher aus den 70ern erinnert, die meine Mutter mir früher zum Lesen gegeben hat. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen, meiner Meinung nach wurde das Potenzial jedoch nicht voll ausgeschöpft. Ich vergebe daher gute  3 von 5 Wolken und hoffe, dass es bald mehr Romane von Kalle Max Hofmann zu lesen geben wird.

Freitag, 20. Januar 2017

"Der Lauf des Lebens. Geschichten vom Menschsein" von Mona Jaeger


"Der Lauf des Lebens. Geschichten vom Menschsein" von Mona Jaeger

Verlag: Luchterhand (2016)
Format: HC, 190 Seiten
ISBN: 978-3-630-87501-9
Preis: 18,00 € [D] 

☁ ☁ ☁ ☁


Klappentext


Es gibt Tage im Leben, die haben mehr Gewicht als die Wochen und Monate, die sie umgeben. Es gibt Momente im Leben, in denen die Zeit gleichzeitig stehenzubleiben und zu rasen scheint. Der erste Schultag kann ein solcher Tag sein, der erste Kuss ein solcher Moment. Manchmal mischen sich in solchen Momenten Triumph und Melancholie wie in der ersten Nacht in der eigenen Wohnung, manchmal ereignet sich etwas, das uns verändert, ohne dass es rückgängig zu machen wäre. Manchmal gehen solchen Momenten eigene Entscheidungen voraus, manchmal Eingeständnisse, die den Menschen ohnmächtig machen, manchmal ein unermesslicher Verlust. Sich scheiden lassen, sich eingestehen, dass man unter einer Depression leidet, jemanden begraben, den man liebt. All das sind Momente, die in den Erzählungen dieses Bandes eingefangen sind. (Quelle)


Meine Meinung


In das Cover dieses Buches habe ich mich sofort verliebt. Er passt perfekt zum Titel - die schwungvolle individuelle Handschrift, teilweise verwischt, auf fleckigem Papier. Dieses Bild versinnbildlicht für mich den Lauf des Lebens auf überraschend schlichte, aber dafür umso eindringlichere Weise.

Das ist aber leider auch fast schon alles, was ich an Positivem über dieses Buch sagen kann. Die kurzen Erzählungen folgen dem Lauf zwei verschiedener Menschenleben, dem von Paul und dem von Anna, und greifen chronologisch fortlaufend verschiedene Episoden daraus auf, die von der Autorin wohl als prototypische Meilensteine eines Lebens angesehen werden: Kindheitserinnerungen, der erste Kuss, die erste eigene Wohnung, Hochzeit, Kinder, Scheidung und so weiter. Zunächst dachte ich, dass Paul und Anna sich irgendwann begegnen, was die Auswahl der Charaktere erklärt hätte, doch das ist nicht der Fall, was mich ein wenig gestört hat.

Viel mehr störte es mich jedoch, wie klischeehaft die beiden vorgestellten Leben verlaufen. Als sei es heute ganz normal, dass man heiratet und Kinder bekommt, worauf eine Scheidung inklusive Depression folgen. Dass man sich dann später wieder verliebt und dann eben irgendwann stirbt. In welchem Jahrhundert leben wir denn?? Soll das Buch ein Hinweis darauf sein, dass in unserer Gesellschaft irgendetwas schief läuft? Ich glaube nicht, zumindest wirkte es auf mich nicht so, als sei dies die Intention dahinter.

Bis auf die Geschichten aus der Kindheit sowie der über die erste eigene Wohnung konnte ich mich in keine Geschichte hineinversetzen und ärgerte mich darüber, wie einfach und "planmäßig" die Charaktere gestrickt sind. Die angenehme und im positiven Sinne schmucklose Sprache, die den Zugang zu den Geschichten erleichtert und die Persönlichkeiten der Charaktere unterstreicht, konnte diesen Eindruck auch nicht mehr verbessern. Aber vielleicht geht es mir auch nur so, weil ich für mich einen gänzlich anderen Weg entdeckt habe und mein Leben anders gestalten möchte, als viele es von mir erwarten? Weil ich mich jetzt schon auf einem eher unkonventionellen Weg befinde? Die vielen positiven Stimmen, die es zu diesem Buch gibt, sprechen dafür - bildet euch also eure eigene Meinung.

Ich für meinen Teil vergebe 2 von 5 Wolken. Vielen Dank an den Verlag und das Bloggerportal für die freundliche Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars.