Sonntag, 9. März 2014

"Sag mir, was du siehst" von Zoran Drvenkar

"Draußen ist es dunkel, und ich stehe am Fenster und verfluche den Winter. Ich weiß noch, wie ich mir als Kind gewünscht habe, dass es zu Weihnachten schneit. Dicke Flocken wollte ich aus dem Himmel fallen sehen, Eisblumen an den Fenstern. Die Nächte vor Weihnachten verbrachte ich ungeduldig im Bett und starrte in die Dunkelheit hinaus. Obwohl ich es mir aus tiefstem Herzen gewünscht habe, hat es Weihnachten nich geschneit. Kein einziges Mal. Aus diesem Grund ist das Wetter heute wie eine Revanche für all die schneelosen Feste."


"Sag mir, was du siehst" von Zoran Drvenkar

Verlag: Carlsen (2002)
Format: HC, 270 Seiten
ISBN: 9-783-551-580-979
Preis: 14,00 € [D] 

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Inhalt


Jedes Jahr in der Weihnachtsnacht besucht Alissa mit ihrer besten Freundin das Grab ihres Vaters. In diesem Jahr erschwert eine dicke Schneeschicht jedoch das Unterfangen und Alissa bricht in eine Gruft ein. Während ihre Freundin Hilfe holt, entdeckt Alissa den Sarg eines Kindes aus dem eine Pflanze wächst. Sie nimmt die Pflanze an sich und fortan geschehen seltsame Dinge und sie kann plötzlich Wesen sehen, die sie für Engel hält. Sie möchte einer von ihnen werden und versucht, ihr Versteck zu finden. Doch bei der Pflanze handelte es sich nicht um ein gewöhnliches Gewächs und Alissa weiß noch nicht, dass ihre Tage gezählt sind...


Meine Meinung


Dieses Buch ist auch so eines, das meine Jugend begleitet und verzaubert hat. Ich kann mich noch erinnern als ich es zum letzten Mal las, an einem dunklen Tag im Winter, denn genau für solche Tage ist es da. Das fiel in die Phase, in der ich mir mit Bleistift Anmerkungen in Bücher gemacht habe und es war schön, diese jetzt wieder zu lesen.

Im Gegensatz zu anderen Büchern, die mir jetzt, als Erwachsene, nicht mehr so gefallen, hat dieses Buch nichts von dem Zauber verloren, den Urban Fantasy Romane für mich immer haben. Eben weil es jetzt und hier und in dieser Stadt geschehen könnte, sind solche Geschichten immer sehr fesselnd für mich.

Der Roman ist im Präsens verfasst und jedes der kurzen Kapitel wird aus einer anderen Perspektive erzählt. Dadurch kann der Leser in die Körper des "Winterkindes", der Freundin, des Liebenden oder des Stiefvaters schlüpfen und das Geschehen von allen Seiten wie in einer Kristallkugel betrachten. Man findet sich leicht in diese Wechsel ein, denn meistens liegt kein Zeitsprung dazwischen. Manchmal wiederholt Drvenkar auch Sätze oder Satzteile um den Einstieg zu erleichtern. 

In dieses Buch kommt zu dem Fantasy-Aspekt noch eine gehörige Portion Melancholie, die zum Erwachsenwerden gehört, und auch die Probleme, die ein junges Mädchen im Alltag so haben kann, wurden von Drvenkar einfühlsam dargestellt. Er hat gleich mehrere wichtige Themen angesprochen, die entscheidende Rollen im Roman spielen, ohne zu dominieren: junge Mädchen, die denken, ihrem Freund etwas schuldig zu sein, solange sie nicht mit ihm schlafen möchten; Schwierigkeiten mit den Eltern und Homosexualität. Angeschitten werden außerdem Drogen und Alkohol, Gruppenzwang, Tod eines Elternteils, Patchwork-Familien... es ist bemerkenswert, wie viel Drvenkar in diese paar Seiten packen konnte und auf wie viel verschiedenen Ebenen sich interpretieren lässt!

Insgesamt ist das Buch sehr düster und manchmal recht hart, weshalb ich es für ältere Jugendliche und Erwachsene empfehlen würde. Ich vergebe 5 von 5 Wolken.

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