Dienstag, 29. April 2014

"Zwölf Leben" von Ayana Mathis

""Philadelphia und Jubilee!" rief August, als Hattie ihm sagte, welche Namen sie den Zwillingen geben wollte. "Du kannst den Babys doch nicht so verrückte Namen geben!" Wäre Hatties Mutter noch am Leben gewesen, hätte sie August beigepflichtet. Sie wäre der Meinung gewesen, dass Hattie ordinäre Namen gewählt hatte, "protzig und gewöhnlich" hätte sie dazu gesagt. Aber sie war tot, und Hattie wollte ihren Kindern keine Namen geben, die schon auf den Grabsteinen der Familiengräber in Georgia eingemeißelt waren, deshalb gab sie ihnen Namen der Verheißung und der Hoffnung, Namen, die nach vorne wiesen, nicht solche, die zurückblickten."


"Zwölf Leben" von Ayana Mathis

Verlag: dtv (Mai 2014)
Format: HC, 362 Seiten
ISBN: 978-3-423-28028-0
Preis: 19,90 € [D] 
Originaltitel: "The Twelve Tribes of Hattie" (2012)

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Inhalt


So hatte Hattie sich ihr Leben nicht vorgestellt: zwölf Kinder versorgen, immer wieder aufs Neue von ihrem Mann enttäuscht werden, Entbehrungen, Wut und Kälte. An den Kindern ist ihre Bitterkeit nicht spurlos vorbei gegangen und jedes von ihnen hat im Laufe seines Lebens sein eigenes Kreuz zu tragen. In zehn Kapiteln öffnet sich für jeweils einen kleinen Moment eine Tür zu jedem dieser Leben.


Meine Meinung


Mathis selbst sagt über ihr Buch: "Ich wollte über eine Schwarze schreiben, die viele Kinder hat und nicht nur aus eisernem Willen und Leidensfähigkeit besteht. Denn das ist eine Karikatur." Wenn ich so darüber nachdenke, stimmt es, was sie sagt. Alles, was ich bisher über das Leben von Schwarzen und den Rassismus gelesen habe, thematisierte willensstarke und mutige Frauen, die es trotz aller Widrigkeiten geschafft haben, ihren Platz im Leben zu finden. Es wurde Zeit, dass jemand mal die andere Seite aufzeigt. Die, die trotz aller Hoffnungen am Leben zerbrochen sind.

Hattie, der Fixpunkt, um den sich die ganze Familie dreht, muss mit 17 einen schweren Schicksalsschlag erleiden, der sie tief geprägt hat. Schon im ersten Kapitel wird deutlich, dass es sich bei diesem Roman nicht um eine Schöne-Heile-Welt-Geschichte handelt und mit jedem folgenden Kapitel schaut man tiefer in den Abgrund, was in krassem Kontrast zu dem doch eher heiteren Cover steht.

Obwohl es kaum fröhliche Momente in desem Buch gibt, ist es leicht zu lesen und nimmt wohl somit ein wenig von dem seelischen Druck auf den Leser. Mathis' luftiger und grundehrlicher Schreibstil lässt die gelesenen Seiten nur so dahin schwinden. Oft versank ich so in den Geschichten, dass ich alles um mich herum vergaß (zum Glück sind meine Haltestellen jeweils die Endhaltestellen). Zudem hat Mathis jedem Kapitel und damit jedem der Charaktere einen eigenen Stempel aufgedrückt. Mal schreibt sie in Ich-Form, dann wieder auktorial, mal ist der Text gespickt mit Flüchen oder anderen Ausrüfen; in einem Kapitel wählt sie einen briefartigen Bericht, im nächsten wieder eine Gegenwartsbeschreibung.

Chronologie darf man trotz der (meist) aufsteigenden Jahreszahlen, die den Kapiteln vorausgehen, jedoch nicht erwarten. Oft liegen Jahre zwischen den Kapiteln, in einem geht es um ein Kind, im nächsten um einen Erwachsenen. Außerdem gibt es innerhalb der Kapitel regelmäßig Rückblicke. Diese fand ich aber immer sinnvoll eingebracht, sie haben mich nicht verwirrt und es wurde immer sorgfältig darauf hingeleitet. Jedes der Kapitel ist außerdem offen gehalten. Anfangs dachte ich noch, spätere Kapitel würden das vorherige aufgreifen, doch es stellte sich heraus, dass dem nicht so ist. Nur manchmal erfährt man in Nebensätzen später, was aus den Geschwistern jeweils geworden ist.

Besonders beeindruckt hat mich auch die psychologische Schiene, die stets mitlief. Mathis ist es gelungen, Aktionen und Reaktionen nachvollziehbar darzustellen und so Verständnis für die Charaktere zu gewinnen, selbst für den schlimmsten Trinker. Die komplexen Beziehungen und Gefühle werden ohne viele Worte beschrieben, wobei sich das meiste zwischen den Zeilen befindet.

Es überrascht mich selbst, dass mir dieses Buch sehr gefallen hat, obwohl es nur von Entbehrungen, Enttäuschungen und Schmerz handelt. Doch es ist ein Buch, in das man versinken kann, eine Familie, an deren Leben man für kurze Zeit teilhaben kann. Und trotz allem lichtet sich am Ende auch ein wenig das Dunkel und lässt für die nachfolgende Generation Hoffnung aufkommen. Ich vergebe 5 von 5 Wolken.

Übrigens: Am Ende des Buches gibt es einen kleinen Familienstammbaum mit Scherenschnitten der Familie. Ich habe diesen zum Glück gleich zu Anfang entdeckt und fand es hilfreich, eine Ahnung eines Gesichts zu den Beschriebenen zu haben. 

1 Kommentar:

  1. Es ist mir auch absolut nicht leicht gefallen, dieses Buch zu besprechen. Mir hat es zunehmend gefallen und ich habe die Seiten verschlungen, obwohl ich nicht sagen konnte, was genau mich daran so fasziniert hat. Von dem Roman geht eine besondere Stimmung aus und er wird mich noch lange beschäftigen.

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