Sonntag, 24. August 2014

"Elissa" von Alix Renard

""Willst du dich scheiden lassen?" Rudolph Castell hatte die Frage innerhalb der letzten Monate schon vier oder fünf Mal gestellt. Seine Frau ließ sich nichts anmerken, aber inzwischen klang seine Frage gehässig. Beim ersten Mal hatte sie noch einen gequält neutralen Unterton in seiner Stimme gehört, der sie spüren ließ, dass er verletzt war. "Willst du dich scheiden lassen?" wiederholte er hartnäckig, als Josephine ihn ignorierte und ruhig ihren Lippenstift auftrug."




"Elissa" von Alix Renard

Verlag: Amazon Media (2014)
Format: eBook, 150 Seiten
Preis: 0,89 € [D] 

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Inhalt


Der Schriftsteller Rudolph Castell hat es nie verkraftet, dass seine Exfrau mit seiner Tochter verschwunden ist, als er in der DDR inhaftiert wurde. Selbst 20 Jahre später lässt er das eine Familie nur zu deutlich spüren, denn über allem schwebt Elissa, seine erste Tochter. Seine letzte Hoffnung ist der Roman, den er über sie geschrieben hat, und tatsächlich häufen sich die Hinweise auf ihren Aufenthaltsort. Doch während Rudolph einem Wunschbild hinterher rennt, versinkt seine Familie im Chaos. Werden sie gemeinsam einen Weg finden?


Meine Meinung


Ich muss zugeben, dass ich zunächst skeptisch war, als ich von Alix Renard angeschrieben wurde und gefragt wurde, ob ich das Buch lesen wollen würde. Die Story an sich klang von Anfang an interessant, und da ich mich im Zuge meines Studiums zu dem Zeitpunkt ohnehin mit DDR-Literatur auseinandergesetzt habe, konnte ich thematisch ein wenig anknüpfen. Was mich ein wenig zweifeln ließ, konnte ich zunächst nicht in Worte fassen, bis ich in einer Amazon-Rezension das hier gelesen habe:

Auf der Kehrseite standen für mich - einen durch aus fröhlichen Menschen - die Ängste hier in ein melodramatisches Familiendrama abzurutschen, das durchschnittlich aus mehr Stimmungstiefs als Hochs besteht und vielleicht eher von schwarz gemalten Charakteren auf ihrem Abstieg berichtet. (von Souci)

Das spricht mir aus der Seele und ich fand es lustig zu sehen, dass es mir nicht allein so ging. Das doch eher triste Cover gepaart mit dem Klappentext lassen nämlich tatsächlich einen Roman in diese Richtung vermuten, doch nach nur wenige Seiten war ich erleichtert.

Renard ist mit "Elissa" ein einzigartiges Debut gelungen, das zwar quantitativ eher knapp bemessen ist, qualitativ jedoch sehr in die Tiefe geht. Die Tragödie einer ganzen Familie wird beleuchtet, und dabei kann man sich in jede einzelne Person voll und ganz hineinversetzen und erhält trotz oder gerade wegen der vielen Leerstellen einen tiefgründigen Einblick in die Familiengeschichte.

Am nächsten war mir Rudolphs zweite Tochter Anouk. Immer schon sah sie sich Vergleichen mit der Stiefschwester ausgesetzt und ich kann ihre Komplexe und ihre Wut darüber sehr gut nachvollziehen, ebenso wie ihren Versuch, das, was ihr fehlt, bei einem älteren Mann zu suchen. Aber auch die anderen Charaktere sind realistisch und sympathisch gezeichnet. Rudolphs Frau, die sich nach Liebe und Anerkennung sehnt und diese schließlich bei einem anderen Mann zu finden versucht, und sein Sohn, der in der Schule gemobbt wird und Amok-Gedanken hat. All das sind Dinge, die Rudolph übersieht, weil er an einem Traumbild hängt. Klassischer Tragödienstoff, doch in anderer Form aufgearbeitet und wider Erwarten nicht so, dass man beim Lesen in einem Sumpf aus Tristesse versinkt.

Ich war sehr gespannt darauf, wie Renard den verworrenen Konflikt lösen würde. Ich will nicht zu viel vorweg nehmen, daher sage ich nur eins: ein bodenständiger, realistischer Schluss, der aber dennoch hoffnungsvoll wirkt und so, dass man das Buch mit einem guten Gefühl weglegt, was ich immer sehr gerne mag. Es gab zwar gegen Ende ein paar Wendungen, die ich persönlich etwas unglaubwürdig beziehungsweise zu schnell gelöst fand, aber das ist wohl Ansichtssache.

Die Mitteilung der Autorin schreit einem auf alle Fälle aus jeder Seite deutlich entgegen: "Elissa" ist ein tiefgründiger Roman über das Suchen und Finden und darüber, dass das, was wir zu finden hoffen, nicht immer das ist, was uns tatsächlich erwartet. Ein Plädoyer dafür, im Hier und Jetzt zu Leben und neben Träumen und Wünschen die Gegenwart nicht zu vergessen. Ich vergebe 4 von 5 Wolken und danke noch einmal herzlich für das Rezensionsexemplar.

Kommentare:

  1. Das klingt wirklich gut! Ich wurde auch von der Autorin angeschrieben und habe das Buch auf meiner Seite vorgestellt. Deine Rezension klingt so, wie ich mir die Geschichte vorgestellt habe. Ich möchte sie unbedingt auch bald lesen!

    Liebe Grüße,
    Kathi

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  2. Ich habe das Buch auch gelesen und fand es noch einen Tick besser als du, ist aber natürlich wie bei allen Büchern einfach Geschmackssache. Schöne Rezension :)
    Liebe Grüße,
    Johanna

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  3. Liebe Jacy,

    vielen Dank für deine Rezension!! :) Ich freue mich sehr - okay, eigentlich mehr als freuen, im Englischen würde man sagen: "I'm thrilled", dass es dir gefallen hat! :)
    Und auch danke, dass du meinem Buch eine Chance gegeben hast. :)
    Wegen des Covers habe ich mir auch schon eine Weile Gedanken gemacht ... Mal schauen, vielleicht ergibt sich ja was.

    Mach weiter so mit deinem Blog, behalt deinen Kopf in den Wolken, denn wenn dort niemand ist, wäre die Welt ein viel traurigerer Ort.

    Liebe Grüße
    Alix

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  4. Hallo
    Ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen, und finde ihn richtig toll :)

    Schau doch mal auf meinem Blog vorbei.
    http://momentaufnahmenblog.blogspot.co.at/

    Vielleicht willst du mir ja Feedback dalassen?
    Ich freue mich auf deinen Besuch.
    Liebe Grüße

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)