Montag, 24. November 2014

"Tender Bar" von J.R. Moehringer

"Wir gingen hin, weil wir dort alles bekamen. Wir gingen hin, wenn wir Durst hatten, versteht sich, aber auch wenn wir hungrig waren oder hundemüde. Wenn wir glücklich waren, gingen wir hin, um zu feiern, wenn wir traurig waren, um Trübsal zu blasen. Nach Hochzeiten und Begräbnissen gingen wir hin, um unsere Nerven zu beruhigen, und vorher, um uns schnell Mut anzutrinken. Wir gingen hin, wenn wir nicht wussten, was wir brauchten, in der Hoffnung, jemand könnte es uns sagen. Wir gingen hin, wenn wir Liebe suchten oder Sex oder Ärger oder wenn jemand verschwunden war, denn früher oder später tauchte dort jeder auf. Vor allem aber gingen wir hin, um uns finden zu lassen."



"Tender Bar" von J.R. Moehringer

Verlag: Fischer (2008)
Format: TB, 447 Seiten
ISBN: 978-3-596-17615-1
Preis: 9,95 € [D] 
Originaltitel: Tender Bar (2005)

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Inhalt


Die Bar ist der Mittelpunkt seines Lebens. In seiner Kindheit ein Mysterium, als Jugendlicher und junger Erwachsener seine Familie und schließlich fast sein Untergang. Eindrucksvoll, tiefgründig und mit einer guten Portion Selbstironie schildert J.R. Moehringer sein Leben und das seiner Mitmenschen. Der Leser erlebt die Höhen und Tiefen mit, selbst die dunkelsten Momente teilt Moehringer in diesem autobiographischen Werk. Ein Roman, der unter die Haut geht.


Meine Meinung


Dieser Roman wurde noch während des Lesens zu einem meiner Lieblingsbücher. Ich habe schon lange kein so berührendes Buch gelesen und konnte es nur schwer aus den Händen legen. Es stimmt einfach alles: es ist ernst und unglaublich komisch; tieftraurig und hoffnungsvoll, erschreckend und inspirierend. Dabei war mir anfangs gar nicht klar, dass ich einen autobiographischen Roman in den Händen halte. Als der Groschen schließlich fiel, wuchs mein Respekt für den Autor nur noch mehr.

Man kann es sich anfangs nur schwer vorstellen, wie es denn möglich sein sollte, einen ganzen Roman zu schreiben, der sich um eine Bar dreht. Wie kann den jemand seinen Lebensmittelpunkt in einer Kneipe haben, fragt man sich vielleicht. Doch nach wenigen Seiten versteht man, was das Besondere an dieser Bar ist, und am Ende erkennt man vielleicht, dass man selbst auch so einen Ort hat, der eine wichtige Rolle im Leben spielt oder gespielt hat. So ging es mir zumindest.

Wie Titel und Thema schon vermuten lassen, spielt auch der Alkohol eine große Rolle in diesem Buch. Ehrlich und schonungslos erzählt Moehringer von dieser Droge, die für ihn selbst fast zum Verhängnis geworden wäre. Dabei ist das Buch keineswegs belehrend oder reuevoll. Es ist einfach nur echt, was es einem noch einfacher macht, Parallelen zum eigenen Leben zu knüpfen und gegebenenfalls sogar daraus zu lernen.

Trotz der ernsten Angelegenheiten und dramatischen Wendungen ist es ein Vergnügen, diesen Roman zu lesen. Es gibt so viele Stellen, die mich zum Lachen brachten, denn Moehringer nimmt absolut kein Blatt vor den Mund. Selbstironie und Reflexionsfähigkeit sind ganz offensichtlich seine große Stärken. Außerdem versteht er es, Situationskomik so darzustellen, dass sie auch für Außenstehende lustig ist.

Nach dieser Lobeshymne kann ja jetzt nur eines folgen: Volle 5 von 5 Wolken.

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