Montag, 15. Juni 2015

"Raum" von Emma Donoghue

"Heute bin ich fünf. Als ich gestern Abend in Schrank eingeschlafen bin, war ich noch vier. Aber dann wache ich im Dunkel in Bett auf und bin plötzlich fünf, Abrakadabra. Davor war ich drei, dann zwei, dann eins und dann null. "War ich auch schon mal minus was?" "Hmm." Meine Ma reckt sich und streckt sich. "Oben im Himmel, meine ich. War ich da minus eins, minus zwei, minus drei und so?" "Aber nein, das mit dem Zählen hat erst angefangen, als du auf die Erde runtergerauscht bist." "Durch Oberlicht. Und du bist ganz traurig gewesen, bis ich in deinem Bäuchlein passiert bin." "Stimmt genau." Ma lehnt sich aus Bett und schaltet Lampe an, der macht alles ganz hell, schwuppdiwupp."



"Raum" von Emma Donoghue

Verlag: Piper (2011)
Format: HC, 410 Seiten
ISBN: 978-3-492-05466-9
Preis: 19,99 € [D] 
Originaltitel: Room (2010)

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Inhalt


Für den fünfjährigen Jack besteht die ganze Welt aus einem 16 m² großen Raum, den er mit seiner Mutter bewohnt. Er ist davon überzeugt, dass es außerhalb nichts gibt und Bilder, die er im Fernseher sieht, nur erfunden sind. Umso verwirrter ist er, als seine Mutter ihm plötzlich eröffnet, dass es sehr wohl ein Draußen gibt, und dass sie um jeden Preis versuchen müssten, aus dem Raum zu fliehen. Sie heckt einen halsbrecherischen Plan aus, doch Jack zweifelt und fragt sich, ob er überhaupt aus diesem Raum, seinem zu Hause, hinaus möchte...


Achtung!! Diese Rezension enthält Spoiler!!

Meine Meinung


"Raum" ist ein sehr außergewöhnliches Buch und verändert die Sichtweise des Lesers radikal. Wie Audrey Niffenegger treffend formuliert hat: "Wenn du "Raum" gelesen hast, mag die Welt noch sein, wie sie ist. Aber du selbst hast dich verändert."

Besonders wird das Buch zum einen durch die Perspektive. Der fünfjährige Jack erzählt die Geschichte in seiner Kindersprache und mit den ihm bekannten Worten. Nüchtern beschreibt er seine Umgebung und misst selbst Kleinigkeiten große Bedeutung zu. Klug, aber sich dessen nicht bewusst analysiert er die Eigenheiten unserer Gesellschaft und unsere teils widersprüchlichen Gebräuche und Regeln. Durch ihn lernt der Leser die Welt noch einmal neu kennen.

Die zweite Besonderheit des Buches ist die Location und die haarsträubende Entführungsgeschichte, die dahinter steckt. Die Geschichte um Sharon und ihren Sohn Jack ist frei erfunden, ist jedoch an den Fall Josef Fritzl angelehnt. 2008 wurde entdeckt, dass er seine eigene Tochter rund 24 Jahre in einer Kellerwohnung gefangen hielt und mit ihr insgesamt sieben Kinder zeugte. Wie es ihr und den drei Kindern ging, die ebenfalls unterirdisch "gehalten" wurden, erging, kann man nur erahnen.

Donoghue ist jedoch eine realistische und sehr berührende Annäherung an das Seelenleben der Gefangenen gelungen, die einen so schnell nicht mehr loslässt. Der Roman lässt sich grob in zwei Teile gliedern, nämlich in das Leben vor und nach der Flucht. Die Eintönigkeit, die man als Außenstehender von einem solchen Leben erwartet, wird vom kleinen Jack gar nicht so empfunden, denn Sharon hat sich alle Mühe gegeben, die Tage abwechslungsreich zu gestalten. Detailliert und unverkennbar begeistert werden dem Leser von Jack ein paar Tagesabläufe geschildert die voll sind mit Spielen, Sport und Bildung. Es ist erstaunlich, wie viel Sharon aus ihren begrenzten Möglichkeiten geschaffen hat und wie es ihr gelungen ist, durch vorausschauende Planung so viel Unabhängigkeit von ihrem Peiniger, den sie "Old Nick" nennen, zu bewahren wie möglich.

Doch sie will, dass Jack auch die richtige Welt kennenlernt und heckt einen gefährlichen Plan aus, um Jack hinauszuschmuggeln. Widerstrebend hilft er seiner Mutter, doch eigentlich ist er ganz zufrieden in ihrer kleinen Welt. Als hätte er es geahnt ändert sich mit ihrer Rettung alles und Jack ist alles andere als glücklich. Die psychologische Prägung auf seine Mutter wird sehr realistisch dargestellt, ebenso wie alle anderen Probleme, denen sich Mutter und Sohn plötzlich gegenüber sehen: Augenprobleme, da diese nicht an das Sehen in weite Ferne gewöhnt sind; Sonnenbrand, da ihre Haut jahrelang von Sonne abgeschirmt gewesen ist - Donoghue hat wirklich an alles gedacht.

Viel schwerer wiegen aber Probleme der zwischenmenschlichen Art, denn Jack sieht zum ersten Mal in seinem Leben andere Menschen, deren Gebräuche und Regeln er sich zwar anzueignen versucht, die er aber oft nicht recht versteht. Es ist wirklich rührend beschrieben, wie er durch seine frisch erlangte Freiheit stolpert, sich aber eigentlich nur nach dem Raum sehnt, der für ihn sein einziges Zuhause ist. Auch Sharon fällt es schwer, sich in ihr neues altes Leben einzufinden. Aufdringliche Paparazzi bauschen ihre Geschichte auf und neben Bewunderern und teilnahmsvollen Menschen sieht sie sich plötzlich auch Vorwürfen gegenüber, mit denen sie nur schwer umgehen kann und die sie zur Verzweiflung treiben. Und über Gespräche mit Ärzten, denen Jack auch beiwohnt und die er dem Leser auf seine Art schildert, kommen noch weitere berührende Details ihrer Entführung ans Licht...

Ich vergebe 5 von 5 Wolken für diesen fesselnden und eindrucksvollen Roman. Ich halte ihn für ein ganz besonderes Werk. Die Recherchearbeit muss viel Zeit gekostet haben und das Schreiben aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der so etwas erlebt hat, muss äußerst anstrengend gewesen sein. Ein großes Lob an die Autorin!

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