Samstag, 24. Oktober 2015

"Das nachtblaue Kleid" von Karen Foxlee

"Verzeiht ihr mir, wenn ich euch das Ende verrate? Da ist ein Mädchen. Es steht am Ende des Parks, wo der Rasen zu wuchern beginnt und die sorgfältig geschnittene Fläche in hohes Gras übergeht, durchzogen von kleinen Felsen. Sie steht im Niemandsland zwischen Park und der weiter hinten liegenden Zuckerrohrmühle. Es ist Nacht und die Zuckerrohrzüge stehen still. Es ist unerträglich schwül, der Schweiß rinnt ihr den Rücken hinunter, sie fährt mit der Hand über den Stoff, um das unangenehme Kitzeln loszuwerden. Sie hebt das nachtblaue Kleid und fächert ihren Beinen Luft zu."


"Das nachtblaue Kleid" von Karen Foxlee

Verlag: Beltz (2014)
Format: HC, 332 Seiten
ISBN: 978-3-407-81181-3
Preis: € [D] 
Originaltitel: The Midnight Dress (2013)

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Inhalt


Ein Mädchen wird vermisst und für tot erklärt. Ist es Rose oder ist es Pearl? Was ist geschehen? Und was hat es mit dem geheimnisvollen selbstgenähten Kleid auf sich, an das sich die ganze Stadt erinnern kann? Gemeinsam mit dem Leser rekapituliert die Autorin die Geschehnisse vor der verhängnisvollen Nacht des Zuckerrohrfestes. Mittelpunkt der Geschichte ist die 15-jährige Rose. Diese ist mit ihrem Vater ständig unterwegs, der Camper ist ihr Zuhause. Obwohl sie voraussichtlich auch hier nicht lange bleiben wird, lässt sich das verschlossene, im Herzen aber einsame Mädchen von dem Trubel um die Vorbereitungen für das Zuckerrohrfest mitreißen und findet in Pearl sogar eine gute Freundin. Doch in den Wochen vor dem großen Fest kommen Dinge ins Rollen, die nicht aufzuhalten sind...


Meine Meinung


Die Geschichte rund um Rose und Pearl spielt im tropischen Queensland, Australien, im Jahre 1986. Die Jahreszahl ist nicht explizit genannt, verschiedene Geburtsdaten lassen jedoch auf die 80er Jahre schließen und gegen Ende des Romans bestätigt sich diese Annahme durch die Aktualität der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte um Rose, ihre Freundin Pearl und das Zuckerrohrfest, das ein großes Event im Dorf ist. Rose ist sehr eigen, verschlossen und kalt, als sie mit ihrem Vater in der kleinen Stadt ankommt. Es sind jedoch Einsamkeit und Verbitterung, die sie so verschlossen und mürrisch machen. Die quirlige Pearl lässt sich davon nicht abschrecken und die beiden werden wider Erwarten gute Freundinnen. Eine kleine Hütte im Wald wird ihr Refugium, doch alles zerbricht, als Pearl eines Tages einen Mann mit in ihr Versteck nimmt. Ich persönlich glaubte herauszulesen, dass Rose mehr als nur freundschaftliche Gefühle für Pearl hegt, doch explizit wird das nie gesagt, und es tut auch eigentlich nichts zur Sache. Fakt ist, dass Pearl für Rose sehr viel bedeutet, obwohl sie sehr verschieden sind.

Neben der Geschichte um Rose und Pearl gibt es aber noch eine andere Geschichte, die stückchenweise von der alten Näherin Edie erzählt wird. Mit ihr gemeinsam näht Rose ihr Kleid für das Fest, was von ihren Mitschülerinnen misstrauisch beäugt wird, da man Edie in der Stadt für eine Zauberin hält und meistens Abstand zu ihr wahrt. In ihrer Geschichte, die Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, erzählt sie, wie sie zu ihrem Ruf gekommen ist und wie es geschehen konnte, dass ihr kleines Häuschen Stück für Stück vom nahenden Regenwald zurückerobert wird. Dieses Haus hat es mir übrigens besonders angetan und Foxlee hat es durch ihre Erzählung in ein ganz besonderes Licht getaucht. Anfangs fühlte ich mich unwohl, als ich Rose begleitete, mit ihr die seltsamen Einmachgläser voller Krimskrams besah oder entdeckte, dass ein Ast sich seinen Weg durch ein Fenster gebahnt hatte. Doch bald fühlte ich mich immer wohler bei Edie und verstand, was es mit diesem Haus auf sich hatte.

Mit Edie kommt außerdem eine magische Komponente in das Buch, wobei es keine Zauberei ist, die in einen Fantasy-Roman passen würde. Edie kann dank ihrem Talent sehen, was für eine Art Kleid für eine Frau bestimmt ist, wenn sie ihr gegenüber steht, und es hat mir sehr gefallen, wie diese Begabung von Foxlee einen Hauch von Magie bekam. Außerdem geht es darum, Kleidung beim Nähen eine Seele zu geben, indem man fast meditativ arbeitet - ganz schlicht mit Nadel und Faden. Dass die Emotionen und Erinnerungen, die Rose beim Nähen in ihr Kleid mit einarbeitet, am Ende fatale Folgen haben wird, kann keiner ahnen...

Bereits im ersten Kapitel fällt der ungewöhnliche Erzählstil der Autorin auf: In jedem Kapitel nimmt sie ein paar Szenen des Schlusses vorweg, wodurch sich der Leser von zwei Seiten her langsam der Lösung des Rätsels nähert. Foxlee spielt dabei geschickt mit den Erwartungen und Vorurteilen der Leser, stößt sie mal auf eine, dann auf eine andere mögliche Fährte, die zum Täter führen könnte. Ich persönlich wusste schnell, wer gestorben war und auch meine Vermutung hinsichtlich des Täters hat sich schließlich bestätigt. Trotzdem konnte ich bis zum Ende nicht sicher sein, was mir sehr gut gefallen hat. Durch die Vorschau, die Erzählung der aktuellen Ereignisse sowie den Rückblich auf Edies Leben, die sich immer abwechseln, fesselt Foxlee den Leser quasi dreifach an ihr Buch, wodurch die Spannung niemals abreißt, was das Buch zu einem echten Pageturner macht.

"Das nachtblaue Kleid" erzeugt eine ganz besondere Stimmung. Es ist düster und melancholisch, und ich hatte stets den Geruch von Erde in der Nase und glaubte, die Feuchtigkeit des Regenwaldes auf meiner Haut zu spüren. Man merkt, dass Foxlee selbst in der Gegen aufgewachsen ist, über die sie schreibt. Sie schreibt sehr atmosphärisch und schafft mit einfachen sprachlichen Mitteln eine enorme Tiefgründigkeit. Vieles steht zwischen den Zeilen, was ich sehr bewundere, und was das Buch zugleich einfach zu lesen und schwer zu verdauen macht.. Das Ende stimmte mich unsagbar traurig - so habe ich mich schon lang nicht mehr beim Lesen eines Buches gefühlt. Gleichzeitig ist da aber auch ein Funke von Hoffnung, der mich das Buch trotz aller Tränen zufrieden weglegen ließ. Ich vergebe 5 von 5 Wolken.

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