Donnerstag, 8. Oktober 2015

"Die Nebel von Avalon" von Marion Zimmer Bradley

"Zu meiner Zeit hat man mir viele Namen gegeben: Schwester, Geliebte , Priesterin, weise Frau und Königin. Jetzt bin ich wirklich eine weise Frau geworden. Und vielleicht kommt eine Zeit, in der es wichtig ist, daß all diese Dinge bekannt werden. Aber ich glaube, die nüchterne Wahrheit wird sein, daß die Christen das letzte Wort haben. Denn die Welt der Feen entschwindet immer weiter, treibt ab von der Welt, in der die Christen herrschen. Christus ist nicht mein Feind, aber seine Priester, die die Große Göttin einen bösen Geist nennen. Sie leugnen, daß die Macht über diese Welt einmal in ihren Händen lag. Wenn überhaupt, so sagen sie, kam ihre Macht vom Teufel."


"Die Nebel von Avalon" von Marion Zimmer Bradley

Verlag: Fischer (2007)
Format: TB, 1116 Seiten
ISBN: 3-596-28222-5
Preis: 9,99  € [D] 
Originaltitel: The Mists of Avalon (1987)

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Inhalt


Die geheimnisvolle Welt Avalon droht in den Nebeln zu versinken, weil Britannien nicht mehr an die Große Göttin glaubt und die christlichen Priester immer mächtiger werden. Viviane, die Herrin vom See, hat jedoch einen Plan, wie sie das verhindern kann. Ein König soll auf dem Thron sitzen, dem die Anhänger aller Religionen folgen. Artus wird geboren. Und während er zum Mann heranwächst, wird seine Schwester Morgaine auf Avalon zur Priesterin ausgebildet. Doch damit sind Vivianes Pläne noch nicht beendet. Allerdings kommt nicht immer alles so, wie sie es wünscht...


Meine Meinung


Lange, mindestens 10 Jahre, lag dieses Buch jetzt auf meinem SuB. Zum einen, weil mich die vielen dicht beschriebenen Seiten abschreckten, zum anderen, weil ich glaubte, durch den Film schon alles Wichtige über die Frauen rund um die Sagengestalt Artus Pendragon zu wissen. Doch weit gefehlt: der Film nahm sich so viele Freiheiten, dass man, ohne den Film an sich schlecht machen zu wollen, schon von Verfälschung sprechen könnte.

Das Buch ist sehr vielschichtig und tiefgründig, und erzählt über den Zeitraum einiger Jahrzente die Artus-Sage aus einem völlig neuen Blickwinkel. Der Konflikt zwischen der alten Religion rund um die große Göttin und dem Christentum steht dabei im Mittelpunkt, denn die Christenpriester werden immer mächtiger und nutzen ihren Einfluss auf Herrscher, um heidnische Rituale im Land zu verbieten. So bilden sich zwei Fronten, an denen die Frauen in der ersten Reihe stehen. Ich kenne zwar kaum andere Artus-Geschichten, doch ich bin sicher, dass in keiner anderen die Frauen so stark gewichtet sind wie hier. Viviane, Igraine, Morgause, Morgaine und Gwenhwyfar - sie sind die wahren Helden dieser Sage rund um König Artus, Lancelot und die anderen Ritter der Tafelrunde.

Die weiblichen Hauptpersonen sind besonders detailiert beschrieben. Sie sind sehr menschlich, haben Ecken und Kanten, und selbst Morgaine ist vor Charakterzügen wie Eifersucht und Missgunst nicht gefeit. Das macht das Buch abwechslungsreich und spannend, und, trotz aller Magie, sehr bodenständig. Besonders Morgause hat mich überrascht. Sie wird im Film als böse und hinterhältig dargestellt, hat im Buch jedoch weit mehr positive Seiten und es in besonderem Maße emanzipiert. Doch auch für die fromme Gwenhwyfar kann ich jetzt mehr Verständnis aufbringen, kann nachvollziehen, wie sehr sie ihre Zerrissenheit zwischen ihrer Liebe zu einem anderen Mann und ihrem Glauben quälen muss. Morgaine wurde im Film im Großen und Ganzen gut getroffen, obwohl das Buch natürlich tiefgründiger ist und von vielem mehr erzählt, das der Film auslässt. Ihre Wankelmutigkeit störte mich aber an manchen Stellen, wenn sie sich wieder mal nicht sicher ist, ob sie Lancelot jetzt tatsächlich liebt oder nicht. Manchmal heißt es, es sei nie wirklich Liebe gewesen, andermal heißt es, es sei eine lebenslange Liebe. Hier hat sich die Autorin vielleicht vertan, andererseits ändern sich Ansichten ja auch über die Zeit.

Die männlichen Charaktere sind weniger ausführlich beschrieben und entwickeln sich kaum bis gar nicht weiter. Das heißt jedoch nicht, dass sie bloß plumpe Nebencharaktere sind. Jeder von ihnen hat seine Rolle zu erfüllen, die das Schicksal aller bestimmt. Besonders gefallen hat mir die Andeutung homosexueller Liebe zwischen Artus und Lancelot, die sehr gut zu dem sehr emanzipierten Roman passt. Der Name des zweiten Merlins von Britannien hat mich jedoch ziemlich gestört und ich verstehe nicht, wie die Autorin damit die besondere Atmosphäre, die die anderen alten Namen gemeinsam heraufbeschwören, zerstören konnte: Kevin. Kevin! Ich kann es immer noch nicht glauben...

Erzählt wird die Geschichte von einem auktorialen Erzähler mit kapitelweise wechselndem Schwerpunkt. So geht es beispielsweise im ersten der vier Kapitel "Die Hohepriesterin" hauptsächlich um Morgaine und ihre Ausbildung und im zweiten Kapitel "Die Königin" um Gwenhwyfar. Zwischendurch gibt es immer wieder mit "Morgaine erzählt" übschriebene Passagen, die von Morgaine in der Ich-Form erzählt werden und ihre Person damit in den Mittelpunkt des Romans stellen. Sie ist der Fixpunkt und alle Charaktere sind irgendwie mit ihr verbunden, wodurch sich ein roter Faden durch das ganze Buch zieht.

Bei aller Religion ist das Buch aber kein religiöser Roman. Es ist in erster Linie eine emanzipierte Fantasy-Rittergeschichte, durch die der Leser in das Land der Magie und sogar gelegentlich in das Feenreich entführt wird. Auch Liebe, Hass, Neid, Freundschaft, gelegentlich sogar feurige Erotik kommen nicht zu kurz, und schließlich entspinnt sich eine ganz neue Idee von der Entstehung des sagenumwobenen Heiligen Grals. Diese Vielfalt machte diesen Wälzer mit den 1116 dichtbedruckten Seiten für mich zu einem richtigen Page-Turner und ich war in verhältnismäßig kurzer Zeit damit durch. Ich vergebe 4 von 5 Wolken.

An dieser Stelle noch eine Anmerkung zur Autorin. Im Jahr 2014, also 15 Jahre nach ihrem Tod, wurde Marion Zimmer Bradley von ihrer Tochter vorgeworfen, sie habe sie jahrelang sexuell missbraucht und ihre Kindheit sei von Gewalt geprägt gewesen. Es gibt viele, die ihre Romane seither verpönen und nichts mehr von ihr lesen wollen. Ich finde jedoch, dass man Autor und Werk trennen sollte, vor allem in einem solchen Fall, in dem posthum etwas behauptet wird, zu dem sich die Angeklagte selbst nie mehr äußern können wird. Ich möchte keinesfalls das Leid herunterspielen, dass der Tochter möglicherweise widerfahren ist, doch ich finde nicht, dass großartige Werke aufgrund Verfehlungen des Schaffers grundsätzlich verbannt werden sollten. Wir hören schließlich auch immer noch Wagner, obwohl er Antisemit und Hitlers Lieblingskomponist war, und auch Michael Jackson läuft immer noch im Radio und ist in fast jedem CD-Regal vertreten.

Eure Meinung zu dem Thema würde mich sehr interessieren!

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