Mittwoch, 21. Oktober 2015

"Salz auf unserer Haut" von Benoîte Groult

"Ich war achtzehn, als Gauvain in mein Herz und für immer in mein Leben getreten ist. Aber wir wußten es nicht, er nicht und ich nicht. Ja, doch, mit dem Herzen hat es angefangen, oder mit dem, was ich damals dafür hielt und was zunächst nichts anderes war als die Haut. Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich, und das Prestige des Seemanns und Fischers, der damals schon seinen Lebensunterhalt verdiente, machte mein Ansehen als Studentin, die noch von ihrer Familie abhängig war, wett."


"Salz auf unserer Haut" von Benoîte Groult

Verlag: Droemer Knaur (1989)
Format: HC, 319 Seiten
ISBN: 3-426-19251-9
Originaltitel: Les vaisseaux du cœur (1988)

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Inhalt


Die Geschichte einer im Grunde unmöglichen, einzigartigen Liebe: George, die Pariser Intellektuelle, und Gauvin, der bretonische Fischer - Welten trennen die beiden, die Barrieren von Erziehung und Bildung, von Weltanschauung und Geschmack stehen zwischen ihnen. Ein Leben miteinander halten beide für unmöglich. Und doch zieht sie ein Verlangen zueinander, das stärker ist als Vernunft und Konvention, eine Leidenschaft, die, auch als die Liebenden älter und reifer werden, nicht erlischt. Ein Roman voll Zärtlichkeit und Sinnlichkeit, zugleich das Porträt einer freien, selbstständigen Frau, die zu ihren Gefühlen steht. (Quelle)


Meine Meinung


Dieses Buch wurde mir seiner besonderen Beschreibungen der körperlichen Liebe wegen empfohlen und obwohl ich sehr gespannt darauf war, ob diese Empfehlung berechtigt ist, hat mich das Buch vor allem wegen dem Begriff der Emanzipation angesprochen. "Gibt es für die Frau im Zeitalter der Emanzipation noch die große Liebe?" wird in der Inhaltsangabe des Buches gefragt, und Groult gibt mit ihrem Roman eine Antwort darauf: ja.

Liebe muss nicht die Einheit von Mann und Frau bedeuten, sagt sie, und so ist es das Los der Protagonisten George und Gauvain, dass sie ihr Leben lang voneinander getrennt sind und nur selten ein paar Tage gemeinsam verbringen können. Nach einer romantischen Liebesnacht in den 50er Jahren gehen sie beide ihrer Wege, heiraten und bekommen Kinder und versuchen, in dem Leben zu bestehen, das sie gewählt haben. Trotzdem verbindet die beiden eine tiefe Liebe, die sie nur alle paar Jahre für ein paar Tage heimlich leben können - auf abgelegenen Inseln, in den Ferienhäusern von Freunden und in großen Hotels, die die Anonymität wahren.

Gauvain ist nicht der richtige Name des Mannes, den die Ich-Erzählerin ihr Leben lang liebt. Vielmehr ist er ein Pseudonym, das sie vergibt, "damit seine Frau es niemals erfährt" (S. 9). Durch diese und andere Details hat man das Gefühl, dass in dem Roman eine wahre Geschichte erzählt wird, was mir sehr gut gefallen hat. George hingegen ist tatsächlich ein französischer Mädchenname, trotzdem bin ich beim Lesen immer wieder darüber gestolpert und habe George sogar manchmal mit Gauvain verwechselt.

George soll ein modernes und emanzipiertes Frauenbild verkörpern, und das tut sie auch, wenn man sie allein betrachtet. Sie möchte ihr Studium nicht eines Mannes wegen abbrechen und hat genaue Vorstellungen von ihrem Leben. Sie will aber auch nicht, dass ein Mann sein Leben für sie umkrempelt. Sie will, "daß [Gauvain] bei seinem Beruf [bleibt], daß er seinen Akzent, seine Kraft und seine Inkompetenzen bewahrt" (S. 65). Diese Einstellung habe ich einerseits sehr bewundert. Andererseits fand ich die Erzählerin überheblich und ihr Schichtdenken stellenweise widerlich. Sie liebt Gauvain, doch sie weiß, dass sie nicht zusammen sein könnten, weil sie gebildet und studiert, er hingegen nur ein rauer Seemann mit ländlichem Akzent und "Inkompetenzen" ist, was ein tägliches Zusammensein für sie unmöglich macht: zu schnell würde sie sich mit ihm langweilen. Sie blickt irgendwie immer auf ihn herab, was besonders im Kapitel "Disneyland" deutlich wird. Er ist begeistert von der neuen Erfahrung und dem Vergnügen, sie hingegen ist schnell gelangweilt und gereizt wegen seiner Einfachheit.

Das entspricht für mich eigentlich nicht dem Prinzip der Emanzipation. Dazu gehört meiner Meinung nach nämlich auch, sich aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Korsett zu befreien und soziale Schranken zu überwinden. Dass George das nicht vermag und sogar gar nicht will, das nahm der ganzen Romanze für mich irgendwie den Wind aus den Segeln und degradierte die Liebe einer emanzipierten Frau zu intensivem körperlichem Verlangen, zu einem Spaß der den Alltag unterbricht.  Gauvain tat mir oft sehr leid, zum Beispiel, wenn George von seinen Geschenke erzählt, von denen ihr kein einziges gefallen hat.  
"Ich hätte lieber ein Schmuckstück für dich ausgesucht als eine schlichte Kette, aber ich hab' ja nie was kapiert von deinem Geschmack, da hatte ich Angst, ich mach' 'nen Fehler. Und schon der Gedanke an dein Gesicht, wenn ich dir was bringe, was du am liebsten in den Papierkorb schmeißt..." (Gauvain S. 283)
An diesem Zitat sieht man auch, dass die Übersetzerin die sprachlichen Unterschiede zwischen den Protagonisten durch die Apokopen und Worte wie "kapiert" gut ins Deutsche übertragen hat, obwohl im französischen Original sicher noch viel mehr mit Akzenten gearbeitet wurde. Dieser sprachliche Unterschied ist ein wichtiges Element des Buches, verdeutlicht er doch am meisten die unterschiedliche Herkunft und damit den Bildungsstand, der einem gemeinsamen Leben im Weg steht.

Paradoxerweise hat mir das Buch trotz aller Kritik sehr gefallen. Wenn man es nicht vom Standpunkt vermeintlicher Emanzipation aus sieht, dann kann man in der tragischen (Liebes)Geschichte und dem besonderen sprachlichen Bild, das die Autorin geschaffen hat, voll aufgehen. Groult schreibt wirklich ganz besonders über den Körper und den Geschlechtsakt, sehr offen und nüchtern und dadurch auch wieder erfrischend. Zeitgenössische Autor*innen sollten sich meiner Meinung nach ein Beispiel an ihr nehmen. Dabei würde ich "Salz auf unserer Haut" jedoch nicht in die Sparte des erotischen Romans einordnen, denn der Sex wird nicht gepusht und auch nicht besondes spektakulär beschrieben. Er ist einfach nur das, was er ist: die leidenschaftliche Vereinigung zweier Liebender, mit großer Erhlichkeit beschrieben.

Groults Charaktere sind menschlich und vor allem mit Gauvain konnte ich von Anfang an mitfühlen. Ich hatte insgesamt häufig den Gedanken: "Gut zu wissen, dass es auch anderen Menschen manchmal so geht", denn solche Ehrlichkeit und Natürlichkeit vermisse ich oft an Romanen neueren Datums. Auch Georges Gedanken zum Älterwerdens, zur Selbstwahrnehmung und zu widersprüchlichen Gefühlen haben mich sehr berührt. Das alles macht diesen Roman zu einem Buch, bei dem ich es wieder mal bereue, mich für ein "Wolken-System" entschieden zu haben. Aber um im Rahmen meiner Strukutr zu bleiben vergebe ich 4 von 5 Wolken für dieses Buch, und runde damit die gefühlten 3,5 Wolken auf.

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