Donnerstag, 19. November 2015

"Das innere Korsett" von Gabriela Häfner und Bärbel Kerber

"Denken wir nicht alle, heutzutage ein Mädchen zu sein, das ist klasse!? Doch um das Selbstbild von Mädchen und weiblichen Teenagern ist es nicht gut bestellt, wie eindrücklich ein Videoclip zeigt, der vor einiger Zeit im Internet die Runde machte. Die Aufgabe war, "wie ein Mädchen" - "Like A Girl" zu agieren. Kinder und Jugendliche wurden gebeten, vor der Kamera nachzumachen, wie Mädchen rennen und wie Mädchen einen Ball werden. Das Ergebnis geht unter die Haut: Die Jugendlichen bewegen sich daraufhin ungelenk, kichernd und tapsig. Insbesondere die weiblichen Jugendlichen ziehen sich mit affigen Bewegungen selbst ins Lächerliche."


"Das innere Korsett" von Gabriela Häfner und Bärbel Kerber

Verlag: C.H.Beck (2015)
Format: TB, 217 Seiten
ISBN: 978-3-406-67529-4
Preis: 14,95 € [D] 

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Inhalt


Mädchen sein - es war nie so leicht wie heute. Doch stimmt das wirklich? Gabriela Häfner und Bärbel Kerber nehmen Gesellschaftsstrukturen und allgemeine Rollenvorstellungen unter die Lupe und zeigen, dass wir gar nicht so weit gekommen sind, wie hundert Jahre Frauenbewegung vermuten und erhoffen lassen...


Meine Meinung


Schon das oben angeführte Zitat aus dem Vorwort spricht Bände: Wir werden in einer Welt groß, in der wir von Anfang an von ganz bestimmten Vorstellungen von Männern und Frauen umgeben sind. Heranwachsende definieren sich über das, was ihnen vorgelebt wird und was ihnen täglich begegnet - und da haben wir den Salat. "Wie ein Mädchen rennen" heißt plötzlich, affig und albern auszusehen. "Du bist so ein Mädchen" kommt einer Beschimpfung gleich. Ich habe mir das Video angsehen und mir sind fast die Tränen gekommen. Was passiert zwischen der Kindheit, in der "rennen" einfach "rennen" bedeutet, und dem Teenageralter, in dem das Verb plötzlich ein Ausdruck der Geschlechtlichkeit ist? In ihrem Buch versuchen Gabriela Häfner und Bärbel Kerber, das zu ergründen.

Leicht zu lesen, aber dennoch mit einer klaren Botschaft verknüpfen die Autorinnen die Ergebnisse einschlägiger Untersuchungen und Forschungen mit eigenen Beobachtungen und anderen Fakten aus dem "wahren Leben". Die Auflistung der Fußnoten am Ende des Buches ist dementsprechend lang, bietet jedoch für Interessierte eine breite Palette an weiterführender Literatur.

Gegliedert ist das Buch in drei große Kapitel. Nach einer kurzen Einführung ziehen Häfner und Kerber zunächst Bilanz, zeigen auf, wo wir noch immer auf gravierende Ungleichheiten stoßen: In der Schule, im Beruf, in der Ehe. Eindeutige Zahlen unterlegen, wie schlecht es selbst im 21. Jahrhundert noch um die Gleichberechtigung der Frau bestellt ist - aller gegenteiligen Behauptungen zum Trotz.

Das zweite Kapitel befasst sich explizit mit "Persönlichen Wendepunkten". Wann und wo geraten wir an die Grenzen zwischen dem, was wir sein wollen und dem, was von uns erwartet wird? Hier wird beispielhaft dargestellt, wie ein Mädchen im Laufe seines Lebens von außen geprägt wird. Von ihren Eltern und anderen Verwandten, von der Schule und den Gleichaltrigen. Als Erwachsene sehen sie sich dann Männern gegenüber, die eher Männer einstellen und befördern als Frauen (vgl. S. 55), und Häfner und Kerber zeigen auf, dass "Sexismus nicht etwa ein Relikt der Vergangenheit ist, sondern mit einer gewissen Selbstverständlichkeit noch im heutigen Alltag existiert" (S. 58).

Das dritte Kapitel ist das umfangreichste und gleichzeitig der Kern der Ausführungen. Hier geht es um die "(Un)heimlichen Erzieher", die uns überall um uns herum begegnen und uns prägen. Vieles wusste ich schon, doch so deutlich zusammengefasst wie hier ist es mir noch nicht begegnet. Ich habe mir stellenweise die Haare gerauft - und dabei haben die Autorinnen hier lange nicht alles angesprochen, was es in diesem Zusammenhang zu sagen gibt. Es sind vielmehr die alltäglichen Dinge, mit denen wir hier konfrontiert werden, und die eigentlich jedem sofort auffallen müssten. Medienbilder und Film sind in diesem Kapitel sehr präsent, auch geht es um Spielzeug und sogenannte "Mädchenprodukte". Es ist tatsächlich kennzeichnend für unsere Gesellschaft, dass Produkte, die ehemals als "unisex" galten, plötzlich in rosa bzw. blau daher kommen, verschiedene Namen bekommen oder mit vermeintlich männlichen Attributen versehen werden (vgl. S. 150).

Das letzte Kapitel zeigt schließlich Beispiele auf, wie man es richtig machen kann. Neue Werbebilder wie die von Dove werden vorgestellt und Filme wie "Die Tribute von Panem" gelobt. Und am Schluss steht die Frage: "Was will ich selbst?" Ich finde es schade, dass die Autorinnen hier nicht mehr Beispiele vorgestellt haben - denn es gibt sie. So aber wird das kurze Kapitel von allem, was davor kam, erdrückt, und man bleibt mit einer Mischung aus Hoffnung und Resignation zurück. So ging es mir zumindest.

Gerade deshalb ist "Das innere Korsett" jedoch ein wichtiger Beitrag und wird sicherlich bei einigen meiner Freundinnen unter dem Weihnachtsbaum liegen. Die Verbitterung, die wohl jede Frau bei der Lektüre dieses Buches überkommt, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Veränderung. Man muss bei diesem Thema aufrütteln und schockieren, um etwas zu verändern. Gleichzeitig sensibilisiert dieses Buch dafür, was Emanzipation nicht bedeutet: "Manche [...] haben die Emanzipation echt missverstanden. Nämlich: Die Frau macht jetzt alles. Kinder, Haushalt, Geldverdienen und die Renovierung der Wohnung", wird auf Seite 30 zitiert, und ist ein wichtiges Statement.

Als kleinen Kritikpunkt möchte ich erwähnen, dass ich manches, was im dritten Kapitel erwähnt wird, als Wiederholung der vorangegangenen Kapitels empfand. Letztendlich ist das aber die Gliederung, für die sich die Autorinnen entschieden haben, und kann ebenso gut als Überblick und Fortführung aufgefasst werden. Was die Gliederung eines Sachbuchs angeht hat ohnehin jeder andere Vorstellungen. Daher gab es auch in der Leserunde unterschiedliche Meinungen zu den Fußnoten, die in diesem Buch hinten zu finden sind und in jedem Kapitel wieder von 1 beginnen. Mir persönlich gefällt, dass das Layout nicht von Fußnoten unterbrochen wird, ich hätte es aber besser gefunden, wenn die Fußnoten für das ganze Buch durchnummeriert worden wären.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich vergebe 5 von 5 Wolken für dieses Sachbuch, zusammen mit einer absoluten Leseempfehlung!

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