Montag, 2. November 2015

"Für immer Blue" von Amy Harmon

"August 1993
Die Hitze war erdrückend, und das kleine Mädchen warf sich unruhig auf dem Rücksitz hin und her. Sein Gesicht war gerötet. Da die Decke, die ihm als Unterlage diente, zerschlissen war, ruhte die Wange des Mädchens auf dem Plastiksitz. Für ein so winziges Wesen schien die Kleine erstaunlich zäh. Sie weinte nur selten und klagte nie. Ihre Muter hatte sämtliche Fensterscheiben heruntergekurbelt, was aber wenig nützte. Immerhin war die Sonne inzwischen untergegangen und brannte nicht länger auf das Auto herab."


"Für immer Blue" von Amy Harmon

Verlag: Egmont Ink (2013)
Format: TB, 446 Seiten
ISBN: 978-3-86396-076-6
Preis: 14,99 € [D] 
Originaltitel: A different Blue (2013)

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Inhalt


Blue Echohawk hat nur ein Ziel: herausfinden, wer sie wirklich ist. Von ihrer Mutter als Baby am Straßenrand zurückgelassen weiß sie nichts über ihre Herkunft und fühlt sich nirgends zugehörig. Auch auf der Highschool ist Blue eine Außenseiterin. Sie kleidet sich auffällig, trägt zu viel Make-up und lässt sich nichts vorschreiben.

Doch dann trifft sie auf ihren neuen Geschichtslehrer Darcy Wilson. Er ist jung, hat einen coolen britischen Akzent und eine ansteckende Leidenschaft für sein Unterrichtsfach. Darcy ist der erste Mensch, der an Blue glaubt. Er lässt sich nicht von den meterhohen Mauern abschrecken, die die Neunzehnjährige um sich herum errichtet hat.

Doch Blue und Darcy wandern auf einem schmalen Grat. Denn während sich die beiden einander immer mehr öffnen, wissen sie auch, dass eine Liebe zwischen ihnen unmöglich ist.


Achtung! Diese Rezension enthält Spoiler!

Meine Meinung


Ich habe oben bewusst genau das eingefügt, was auf der Rückseite des Buches zu finden ist. Das war es nämlich, was mich angesprochen und mich dazu bewegt hat, mich für die Leserunde zu berwerben. Ich erwartete eine Zentrierung auf Darcy und Blue, eine verbotene Lehrer-Schülerin-Beziehung, irgendetwas, das damatische juristische Folgen nach sich ziehen würde. Wenn ich gewusst hätte, dass dem nicht so ist, dann hätte ich das Buch wohl nie gelesen. Doch ich bin froh, dass ich es trotzdem getan habe, denn obwohl es so komplett anders ist als erwartet, hat es mich schnell gepackt und nicht mehr losgelassen.

Das Buch beginnt wie ein Krimi: August 1993. Eine Frau und ihr Baby warten im Auto auf einen Mann. Die Frau wird schließlich tot aufgefunden, das Baby ist verschwunden. Natürlich kann man als Leser sofort zu dem Schluss kommen, dass die Protagonistin Blue dieses Baby ist. Daraus ein Geheimnis zu machen war wohl gar nicht die Intention der Autorin. Interessant ist vielmehr: was ist damals passiert und wieso weiß Blue nicht, wer sie ist?

Zum ersten Mal begegnet der Leser Blue in ihrer Schule, wobei mein erster Eindruck von ihr kein positiver war. Sie war mir unsympathisch und ich mochte ihre Art und ihre Ansichten, die sie in inneren Monologen mit dem Leser teilt, nicht. Doch ich wusste, dass sich das noch ändern würde, und dass es ihre unbekannte Vergangenheit ist, die sie zu dem Menschen gemacht hatte, der sie ist.

Im Laufe des Buchs bestätigte sich meine Annahme. Der neue Geschichtslehrer Darcy Wilson zwingt die Schüler mithilfe interessanter Methoden dazu, ihre Vergangenheit zu rekapitulieren und zu bewerten. Für Blue, die nicht weiß, wer sie ist, ist diese Aufgabe natürlich schier unlösbar, weshalb auf dem ausgeteilten Blatt nach und nach nur eine Art Fabel oder Märchen entsteht, in der sie über sich als die kleine Amsel schreibt und über ihren Ziehvater als Habicht. In ihren Erinnerungen, die sie regelmäßig im Geschichtsunterricht einholen, erfährt der Leser aber mehr und lernt so nach und nach Blues Geschichte kennen - abgesehen von den ersten Jahren, die bis zum Schluss ein Geheimnis bleiben.

Als angehende Lehrerin finde ich die Aufgabe, die Darcy der Klasse stellt, mehr als fragwürdig. Die eigene Geschichte aufschreiben zu lassen und benoten zu wollen ist - zumindest in Deutschland - nicht zulässig. Ich hätte es daher besser gefunden, wenn Harmon diese Aufgabe als eine freiwillige, den Lernprozess fördernde Maßnahme beschrieben hätte. Aber das ist an dieser Stelle Erbsenzählerei. Was mich viel mehr stört ist, dass Darcy nur etwa drei Jahre älter als Blue ist, und ein ehrgeiziger, klassenüberspringender Überflieger. Da Blue ihrerseits zwei Jahre älter als ihre Klassenkameraden ist, ist der Altersunterschied zwischen den beiden so gering, dass ich die wachsende Zuneigung der beiden zueinander gar nicht mehr so verwerflich fand. Zudem spielt ein Großteil der Geschichte in der Zeit nach Blues Schulabschluss, wodurch der Lehrer-Schülerin-Skandal hinfällig wurde - und damit meine Erwartungen an das Buch enttäuscht wurden.

Wie gesagt konnte mich das Buch aber trotzdem überzeugen, denn Blues Leben ist spannend und speziell, ihre Sorgen und Nöte sehr aktuell. Ich mochte die Blue, die nach und nach unter ihrer Fassade zum Vorschein kam. Dass sie mit ihrem ungewöhnlichen Aussehen und ihrer indianischen Abstammung besonders ist, wird durch ihr seltenes Hobby, das Schaffen von Skulpturen aus Holz, nur noch betont, und ich fand es sehr schön, wie ihr dieses Hobby schließlich neue Möglichkeiten eröffnet. Ihre Gedanken und Gefühle bei der Arbeit empfand ich als sehr realistisch und war sehr verwundert im Nachwort feststellen zu müssen, dass Harmon ihr Wissen darüber ausschließlich aus Recherchearbeiten erworben hat. Auch ihre Kenntnis über die Situation indianischer Stämme und indianische Sagen scheint fundiert und passt äußerst gut zum Roman.

Dass es in dem Buch nicht nur um Blues Vergangenheit geht, sondern dass auch die Gegenwart sie vor schwerwiegende Probleme stellt, macht die Lektüre spannend und sehr abwechslungsreich. Die vielen Themen, die das Buch teils sehr tiefgründig aufgreift und bearbeitet, erwartet man bei der Aufmachung gar nicht. Blue hat zwar insgesamt unglaubliches Glück, doch ich fand die Lösungen, die sich schließlich für sie und ihr Umfeld ergeben, nicht so abwegig, dass ein "Ja klar"-Effekt eingetreten wäre. Dafür hätte ich Darcy regelmäßig in den Hintern treten können. So weltoffen und modern er anfangs scheint, so versnobt präsentierte er sich mir gegen Ende. Trotzdem mochte ich ihn und die Entwicklung, die er ebenso wie Blue durchmacht, denn diese macht ihn zu einem sympathischen und realistischen Charakter.

Ich vergebe 5 von 5 Wolken für diesen spannenden und abwechslungsreichen Roman, obwohl ich mich immer noch über die meiner Meinung nach unzulängliche Inhaltsangabe hinten auf dem Buch ärgere.

1 Kommentar:

  1. Natürlich mag ich schauen Jacy und schon bin ich hier.^^
    Du hast alles sehr gut herausgearbeitet, dem kann ich so nicht hinzufügen und widersprechen schon gar nicht.
    Für mich war es das schnelle Ende, das mich mit Fragen zurückgelassen und mich `nur´ 4 Blüten vergeben lassen hat. Die Geschichte hatte solche eine Sogwirkung, dass es auf 10 oder 20 Seiten mehr nicht angekommen wär´.
    Sei mir ganz lieb gegrüßt <3
    Hibi

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)