Freitag, 29. Januar 2016

"Wintermärchen" von Mark Helprin

"Es war einmal ein weißer Hengst an einem stillen Wintermorgen. Weicher, nicht allzu tiefer Schnee bedeckte die Straßen der Stadt. Am Himmel funkelten zahllose Sterne. Im Osten kündigte sich schon dämmrig blau der Morgen an. Kein Lüftchen regte sich, doch es war damit zu rechnen, dass schon bald nach Sonnenaufgang ein eisiger Wind das Flussbett des Hudson hinabgebraust käme. Das Pferd war aus seinem Stall, einem engen Bretterverschlaf im Stadtteil Brooklyn, geflohen. Mutterseelenallein trottete es nun über die tatsüber stark befahrene williamsburg-Brücke. Der Mann, der von früh bis spät die Brückengebühr zu kassieren hatte, schlief noch neben seinem Ofen."


"Wintermärchen" von Mark Helprin

Verlag: Goldmann (2014)
Format: TB, 863 Seiten
ISBN: 978-3-442-48111-8
Preis: 9,99  € [D] 
Originaltitel: Winter's Tale (1983)

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Inhalt


Ein urbanes Märchen, das über hundert Jahre umfasst. Eine geheimnisvolle Wolke, die Tote wiederkehren lässt und eine Stadt, die so pulsierend und mysteriös ist, wie das Leben selbst: New York. Peter Lake wird von eine Bande Halsabschneider verfolgt und verliebt sich in die Verlegerstochter Beverly. Die junge Mutter Virginia versucht ihr Glück in der großen Stadt und Hardesty ist auf der Suche nach sich selbst. Diese und viele andere Menschen sind durch Zeit und Raum miteinander verbunden, doch welche Macht die Zeit hat dass können sie bis zum Ende nicht einmal erahnen...


Meine Meinung


Dies ist wieder eine Rezension, die ich lange vor mir her geschoben habe, weil ich einfach nicht die richtigen Worte für diesen Roman finden konnte, die all das beinhalten, was ich während des Lesens gedacht und gefühlt habe.

Zu allererst war ich überrascht, denn Inhaltsangabe und Klappentext empfinde ich als absolut irreführend. Ja, es ist der Dieb Peter Lake, dessen Charakter das ganze Buch hindurch präsent ist (selbst als er eine zeitlang verschwunden ist) und ja, seine Liebe zu der Verlegertochter Beverly ist einzigartig, besonders und tieftraurig. Nur ist diese Geschichte lange nicht die einzige, die in diesem Buch erzählt wird, und nach Beverlys Tod ist Peter auch nicht von Trauer überwältigt und hat "fortan nur noch ein Ziel: den Lauf der Zeit anzuhalten", wie der Klappentext behauptet. Vielmehr endet die Episode Peter und Beverly nach 251 Seiten und Peter bleibt bis zu einem späteren Zeitpunkt im Buch verschwunden. Stattdessen trifft der Leser auf viele neue spannende Charaktere, die alle eine eigene Lebensgeschichte erzählen.

Verwirrung entstand bei mir auch hinsichtlich des Genres. Aufgrund der Inhaltsangabe dachte ich an etwas ähnliches wie Locke Lamora: ein Dieb, der sein Unwesen treibt, sich dann aber unverhofft in eines seiner Opfer verliebt und zum Gentleman wird. Peters seltsames Pferd, mit dem der Roman beginnt, passte dann aber nicht wirklich in diese Vorstellung und ehrlich gesagt störte es mich ziemlich, dass es ganze Häuserblocks weit und ebenso hoch springen kann, während die Bewohner eines recht normalen New Yorks Ende des 19. Jahrhunderts verdutzt zuschauen. Ich kann nicht erklären, warum es mich so störte, denn eigentlich bin ich ein großer Fan von Urban Fantasy, also fantastischen Elementen in modernem städtischem Rahmen. Aber das war dann doch irgendwie zu viel. Wegen der seltsamen Wolke und den vielen Passagen zu und über Mechanik dachte ich kurz auch an eine Vorform des Steampunk, doch auch das trifft das Buch nicht.

Die ersten paar hundert Seiten habe ich verschlungen, denn vor allem Peter Lakes Lebensgeschichte hat echten Pageturner-Charakter. Auch die anderen Biographien, zum Beispiel die von Hardesty, fand ich sehr spannend und unterhaltsam. Ab der Hälfte fiel es mir aber zunehmend schwerer, mich längere Zeit auf das Buch zu konzentrieren. Ich empfand es stellenweise als sehr langatmig und auch ansonsten interessante Kapitel begannen mit langen Einführungsworten, die mir oft zu schwer und wülstig erschienen. Irgendwann habe ich dann die Zusammenhänge auch nicht mehr erfassen können, so umfangreich ist der Rahmen des Romans.

Doch es ist unbestreitbar, dass Helprin einen ganz besonderen Schreibstil hat. Der unterschwellige Humor und der offene Sarkasmus haben mir sehr gut gefallen. Völlig abstruse Dinge werden so beschrieben, als seien sie ganz normal und selbstverständlich, und offenkundige Dummheit von Menschen wird als gewöhnliche, wenn auch exzentrische Charaktereigenschaft hingenommen. Gleichzeitig sind Helprins Beschreibungen des Winters, der in einem großen Teil des Romans herrscht, sehr authentisch und realistisch. Man spürt die Kälte und den Schnee in jedem Wort, doch Helprins Winter sind nicht nur grau und ungemütlich, sondern sie sind auch romantisch. Ich habe es sehr genossen, mit einer Tasse Tee und einer warmen Decke in dem Wintermärchen zu versinken und den Worten zu lauschen, die um einiges älter sind, als man vermuten könnte. "Wintermärchen" wurde bereits 1983 veröffentlicht und zählt in manchen Kreisen bereits zu den Klassikern. Dank der modernen Verfilmung mit Russell Crowe und Colin Farrell erlebte der Roman kürzlich ein Comeback und ich muss gestehen, auch ich bin nur wegen des Filmplakats, das bei neueren Auflagen als Cover benutzt wurde, auf das Buch aufmerksam geworden bin. Ich habe den Film noch nicht gesehen, glaube aber anhand des Trailers, dass ein andere Fokus gesetzt wurde und man "Wintermärchen" auf eine romantische Liebesgeschichte reduziert hat, was dem Buch absolut nicht gerecht werden würde.

Insgesamt habe ich das Buch gern gelesen, es gibt aber doch einige Kritikpunkte und vor allem das Ende fand ich seltsam unspektakulär. Ich hatte das Gefühl, dass sich nicht alles aufgelöst und geklärt hat, was nach so einem Wälzer eigentlich das wichtigste Anliegen sein müsste. Ich sage nicht, dass der Zusammenhang nicht vorhanden ist, sondern nur, dass er sich mir als Hobby-Leser nicht erschlossen hat. Ich vergebe daher 3 von 5 Wolken.

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